Meine Publikation in Form eines (zum Objekt gewordenen) Buches beschäftigt sich inhaltlich mit meiner Suche nach der Antwort auf die Frage: Ist die römisch-katholische Kirche, mit allem was zu ihr gehört, Camp? …

*) Schlägt man die Bibel auf, leuchtet sie von innen, und Musik ertönt aus ihr.






























–> Das Videlo zur Camp-Bibel und weitere Collagen …





Meine Publikation in Form eines zum Objekt gewordenen Buches beschäftigt sich inhaltlich mit meiner Suche nach der Antwort auf die Frage: Ist die römisch-katholische Kirche, mit allem was zu ihr gehört, Camp?
Hierzu wird die Betrachterin auf zwei Ebenen an die Frage herangeführt: einer essayistischen und einer bildlichen Ebene. Im essayistischen Teil wird zunächst die Begrifflichkeit des Kitsches erklärt, da dieser nicht mehr aus der Kirche wegzudenken ist und auch für das Verständnis des Camps nötig ist. Im Anschluss wird das Konzept Camp umkreist und herausgearbeitet, um dieses dann auf den Themenkomplex der römisch-katholischen Kirche anzuwenden.
Die Essaykapitel sind dabei mit Zitatseiten durchsetzt, auf denen für das jeweilige Thema relevante Zitate bedeutender Wissenschaftlerinnen bzw. Autorinnen in goldfarbenen Zierrahmen gefasst und auf einem farblich angepassten Holzschnitt-Hintergrund gedruckt sind. Diese Holzschnitte sind einer Sammlung von Holzschnitten des Marquis de Sade entnommen, dem Skandalautor von Werken wie den 120 Tagen von Sodom und dem Namensvater des Sadismus. Die bildlichen Teile – Collagen, die teils nur aus verschiedenen Bildelementen bestehen und teils eine Verbindung von Bild-und Textelementen sind – arbeiten mit verschiedenen Graden der Assoziation und erfordern daher von der Betrachterin unterschiedliche Grade an Engagement und Transferleistung, um in voller Tiefe verstanden zu werden. Inwieweit diese Bildteile Kitsch oder Camp darstellen, oder inwieweit sie vielleicht schon selber Kitsch oder gar Camp sind, bleibt am Ende dem Urteil der Betrachterinnen überlassen. Um den Bezug auf die Kirche auch gestalterisch mit einzubinden, ist meine Publikation optisch, funktional und in ihrem Aufbau an eine Bibel angelehnt. Eine Bibel plus. Denn sie repräsentiert sowohl eine Hausbibel, als auch einen Hausaltar. Im Folgenden soll kurz auf die Konzeption des Werkes und der einzelnen Teilelemente eingegangen werden. Der Aufbau der „Bibel plus“ folgt der Vorstellung der Weltgeschichte nach dem katholischen Glauben, von der Erschaffung der Welt bis zu ihrem Ende. Daher wird die Bildsprache, werden die Bildelemente von Abschnitt zu Abschnitt immer dystopischer. Die einzelnen Abschnitte sind dabei jeweils in ihrem eigenen Block fest angeordnet. So soll die Gliederung der Bibel in einzelne, klar abgetrennte Bücher aufgegriffen werden. Zu aller Anfang ist das Nichts, dargestellt durch 130 Seiten grauen Transparenzrasters, wie man es aus hintergrundlosen Bilddateien kennt, in dem sich ein Cursor hin und her bewegt. Der rastlose Cursor soll eine vom Nichts gelangweilte Gottheit symbolisieren und gleichzeitig eine Verbindung herstellen zur Künstlerin bzw. Gestalterin als quasi allmächtige Schöpferin im Rahmen der digitalen Bilderstellung.
Aus dem Nichts erschafft Gott in der Bibel die Welt und so ist auch das nächste Kapitel, was in meinem Werk folgt, eine Darstellung der Weltschöpfung, wie sie im 1. Buch Mose (Genesis) erzählt wird. Allerdings nimmt meine bildliche Interpretation der Genesis das geschriebene Bibelwort sehr – vielleicht schon zu – wörtlich. Die Assoziationen, die der Auswahl der Collagenelemente zugrunde liegen sind sehr naheliegend und spielen, ganz im Geiste des Camp, mit einem infantilen Humor und sexuellen Anspielungen. Der Genesis-Abschnitt zieht sich über 13 Doppelseiten. Die Wahl der 13 als Basis für die jeweiligen Umfänge der Bildkapitel – mal als 13 Seiten, mal als 130, also zehnmal 13, Seiten – beruht auf der Bedeutung der 13 in der christlichen Glaubenswelt: Jesus und seine 12 Jünger. Es folgt das erste Essaykapitel: der Kitsch.
Nachdem die Welt erschaffen und der Kitsch erklärt ist, folgen 13 Doppelseiten, auf denen eine auf den Camp umgeschriebene Version der 10 Gebote mit Vor- und Nachwort abgebildet ist. Die einzelnen Seiten sind dabei alle nach demselben Prinzip aufgebaut: auf der alternierend rechten bzw. linken Seite steht dabei eine, einem klassischen Kunstwerk entnommene, Heiligendarstellung in die ein QR-Code eingearbeitet ist und auf der gegenüberliegenden Seite ein Smartphonedisplay, auf dem das jeweilige Gebot bzw. Vor-/ Nachwort steht. Um diese Elemente herum sind einzelne Bildelemente angeordnet, die der zu der jeweiligen Heiligen gehörenden Symbolik – oder im Fall, dass die katholische Kulturgeschichte der Heiligen nicht genug Symboliken zugeschrieben hatte, der eigenen Assoziation – entlehnt sind. Die Hintergründe sind abstrakte Farbschlieren, die dem generellen Farbschema des Buches folgen. Die Wahl der Heiligen richtete sich teils am Inhalt des jeweiligen Gebots, teils am Inhalt des über den QR-Code verlinkten Online-Contents und teils am Camp-Faktor der Heiligen selbst. Auch die digitalen Inhalte sind Teil der Beweisführung meines Camp-Vorwurfs an den katholischen Glauben und seine heutigen Erscheinungsformen. Dass die zehn Gebote nicht auf Steintafeln, sondern auf einem Smartphone abgebildet sind, steht symbolisch für mehrere Verschiebungen im sozialen, moralischen und theologischen Gefüge der heutigen Menschheit. Wo einst der Katholizismus Gemeinschaft, Ethik und Sinn gestiftet hat, tun dies nun das Internet und die sozialen Medien. Daher wurde auch genau dieses Kapitel für die
QR-Codes gewählt. Das Verlassen des Buches via QR-Code steht so symbolisch für das Verlassen der Bibel; für das Verlassen der katholischen Gotteswelt. Es folgt das Essaykapitel über Camp.
Nun, da der Camp theoretisch etabliert ist, folgt eine Sammlung von 13 doppelseitigen Collagen. Diese sind zusammengesetzt aus Bildelementen, die entweder der katholischen Glaubenswelt, dem sie umgebenen Kulturfeld oder meiner eigenen Assoziation zu diesen Glaubensbildern, entnommen sind. Dabei soll mit einem der Hauptwerkzeuge des Camp – der (Selbst-)Ironie – das Bizarre und Widersprüchliche des katholisch-christlichen Kulturkreises aufgegriffen werden und so ein bildliches Puzzleteil zur Beantwortung der Leitfrage „Ist der Katholizismus Camp?“ gereicht werden. Das Ganze geschieht also in Vorbereitung des nun folgenden Essaykapitels: Der Kirchen-Camp.
Nachdem sich die vorangehenden Abschnitte der Leitfrage bildlich wie theoretisch angenähert haben, bleibt noch eine weitere Ebene auf der nach einer Antwort zu suchen ist. Daher nimmt sich dieser Abschnitt das Herzstück des katholischen Glaubens vor: die Bibel selbst. Auf 13 Doppelseiten werden Bibelzitate aufgeführt, die wegen ihrer Übertreibung – sei es im Aspekt der Gewalt, der Sexualität oder der Absurdität – als Camp gelesen werden können. Sie sind farblich im Dreiklang der restlichen Arbeit gehalten und auf Collagen- Hintergründen abgebildet. Diese Collagen setzen sich wieder aus Bildelementen und Symbolen zusammen, die assoziativ aus dem Textinhalt abgeleitet wurden. Durch die typographische Entscheidung für eine Frakturschrift und die Verbindung mit dem zeitgenössischen Collagenstil soll mit dem Anachronismus der katholischen Kirche in unserer postmodernen Gesellschaft gespielt werden, der ein weiteres Camp-Element darstellt. In einem letzten Essaykapitel sollen nun im Anschluss die Ergebnisse der Beschäftigung mit der Leitfrage der Arbeit zusammengefasst und eine nicht definitive Antwort gegeben werden.
Zum Abschluss dieser Arbeit erfolgt nun, was auf die Erschaffung der Welt unumgehbar folgen muss: ihr Ende. Auf 13 Doppelseiten werden die inhaltsbestimmenden Elemente aus Albrecht Dürers Apokalypse in Situationen eingebettet, die exemplarisch für das Abkommen der Menschheit von Gottes heiligem Pfade stehen. Die Wahl der Hintergründe, der Situationen entspringt dabei wieder dem Bibeltext, namentlich der Johannes Offenbarung. Auch die Wahl von Dürers Apokalypse war keineswegs willkürlich. Die Bildserie kann als ein Durchbruch-Moment in Dürers Karriere gesehen werden. Ihr großer Erfolg lag zum Teil darin begründet dass sie aufgrund ihrer Technik – des Holzschnittes – einfach replizierbar und somit Massenkunst war. Sie kann also als Vorzeigebeispiel für den Schritt von der exklusiven Elitenkunst der Kirche hin zum Kitsch gesehen werden. Hier verbindet sich der Untergang der Welt im bildlichen mit dem Untergang der alten Welt im kunsthistorischen Sinn. Um die Klammer, die die 130 Seiten Nichts zu Beginn des Buches aufgemacht haben, auch wieder zu schließen, folgen nun 130 Seiten Dunkelheit: das Ende.
Dieses Buch arbeitet an vielen Stellen mit etablierten Symboliken der katholischen Glaubenswelt. Um diese für die nicht bewanderte Leserin verständlich zu machen und einen einfacheren Zugang zum Thema zu ermöglichen, liegt dem Hauptbuch noch ein kleines Begleitbuch mit bei. Das, an die Form eines Reclam-Lexikons angepasste, Begleitbuch erklärt die verwendeten Symboliken und Blumen, liefert Informationen zu den abgebildeten Heiligen und bietet den nicht bibelfesten Leserinnen die Luther Übersetzung der Genesis und der Johannes Offenbarung. So sollen auch Ungläubige in den Genuss des Kirchencamps kommen.
Durch die Mittel des Camps – Humor, Entfremdung und das Spiel mit Gegensätzen – wird in der äußeren Erscheinungsform eine Parodie der Bibel geschaffen. Als Inspirationsquelle dienten dazu die Bibeln von Gutenberg, Borso D’Este und Pietro Cavalli. Aber auch die kleineren, weniger schmuckhaften Hausbibeln, die aus dem ein oder anderem Grund bei mir zu Hause rumliegen, hatten Einfluss auf die Gestaltung. Wenn auch die alten, vor allem die des Borso D’Este, kaum an Prunk zu übertrumpfen sind, versucht diese Publikation den alten Glanz zu modernisieren und mit postmodernen Trash-Glamour zu versehen. So entsteht eine „Bibel in Drag“.
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–> Ergänzend zur Camp-Bibel gibt es ein kleines Begleitbuch zur Symbolik der Bilder.




🔥Jesus f*ckin Camp🔥 ist ein Bachelor-Projekt von Alina Brand-Kruth.