ANDRÉE’S STORY
Fabian Meyer

Die Andrée-Polarexpedition von 1897 zählt zu den eindrucksvollsten und zugleich tragischsten Expeditionen der Polargeschichte. Der Versuch, den Nordpol mit einem Wasserstoffballon zu erreichen, endete nach nur wenigen Tagen mit einer Notlandung auf dem Packeis. Es folgten Monate des Überlebenskampfes in einer lebensfeindlichen Umgebung, dessen Ausgang bis heute viele Fragen offenlässt.

Angeregt durch eine Dokumentation des Senders ARTE entwickelte Fabian Meyer den Wunsch, diese Geschichte nicht nur zu erzählen, sondern sie durch Gestaltung erlebbar zu machen. In seinem Redesign des Buches Andrée’s Story: The Complete Record of His Polar Flight arbeitet er mit den 1930 transkribierten und aufbereiteten Tagebucheinträgen der Expeditionsteilnehmer. Die über Jahrzehnte im Eis konservierten Aufzeichnungen bilden die narrative Grundlage seiner Neugestaltung.

Meyer gliedert die Publikation in drei übergreifende Gestaltungsebenen, die er durch Material- und Formatwechsel sowie unterschiedliche Layouts voneinander absetzt. Das Buch beginnt mit einem einleitenden Text, der den historischen Hintergrund und die Entstehungsgeschichte der abgebildeten Dokumente erläutert. Große, weiße Typografie auf schwarzem Papier erzeugt einen ernsten Ton. Die Gestaltung nimmt das Ende vorweg, ohne dessen Einzelheiten offenzulegen.

Der zweite Teil schildert die Entstehung und die Hintergründe der Expedition in chronologischer Reihenfolge. Meyer gestaltet diesen Abschnitt bewusst nüchtern und distanziert. Randanmerkungen, kleine Abbildungen und eine sachliche Typografie auf weißem, leicht rauem Papier erinnern an einen Bericht oder ein Archivdokument und unterstreichen den dokumentarischen Charakter.

Den Hauptteil bilden die aufbereiteten Tagebucheinträge, die zu einer zusammenhängenden Erzählung zusammengeführt wurden. Sie ermöglichen es den Lesenden, die Expedition Tag für Tag zu begleiten und Einblicke in den Gefühlszustand der Teilnehmer zu gewinnen. Für diesen Abschnitt wechselt Meyer Material und Format: Kleinere Seiten und dünneres, leicht gelbliches Papier greifen die Haptik und Ästhetik eines klassischen Notizbuchs auf, wie es auch die Expeditionsteilnehmer mitgeführt haben könnten.

Typografisch unterscheidet der Gestalter zwischen dem berichtenden, zusammenfassenden Text und den direkten Zitaten der Protagonisten. Schrift- und Farbwechsel kennzeichnen diese unterschiedlichen Perspektiven. Der blasse Grauton der Zitate symbolisiert das Verschwinden der Erinnerung und das langsame Versinken im Meer aus Eis und Schnee. Besondere Ereignisse hebt Meyer auf eigenen Zitatseiten als Erinnerungsfragmente hervor. Ausklappbare Bildseiten mit teilweise schemenhaften Fotografien verstärken den Entdeckungscharakter der Publikation. Das Auffalten wird dabei selbst zu einem Moment der Entdeckung.

Auf den letzten Tagebucheintrag folgen wissenschaftliche Berichte zur Entdeckung der Überreste im Jahr 1930. Gestalterisch greift Meyer hier die sachliche, dokumentarische Ebene des Planungsteils wieder auf. Die emotionale Nähe der Tagebücher weicht einer analytischen Distanz.

Das Buch endet, wie es begonnen hat, auf schwarzem Papier. Der abschließende Teil schildert die Rückführung der sterblichen Überreste nach Schweden und die anschließende Staatstrauer. Vereinzelte ganzseitige historische Fotografien ergänzen die typografischen Seiten und dokumentieren die letzten Stationen der Expedition. Mit der Rückkehr zur dunklen Gestaltung überträgt Meyer die Schwere des Inhalts ins Visuelle und schafft einen ruhigen, würdevollen Abschluss der Erzählung.

Fabian Meyer
MAED, Prof. Lars Harmsen

Preisverleihung: 04.11. / 17:00 / Materna

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